Ist das süß! Wenn Kleinkinder beim Ausbilden ihrer Sprachfähigkeit lispeln, neigen viele Menschen dazu, das richtig niedlich zu finden. Das Aussprechen der vielfältigen S- Laute im Deutschen ist aber auch schwierig. Doch je länger das eigene Kind lispelt, umso mehr beginnen sich die Eltern zu fragen, ob das etwa für immer so bleiben wird…

Nein. Lispeln (der Fachbegriff lautet Sigmatismus) ist behandelbar. Um das zu können, muss die Ursache für das Lispeln des Kindes festgestellt und am besten mit der fachkundigen Hilfe eines Logopäden behandelt werden. Wir haben in diesem Artikel die mannigfaltigen Ursachen für das Lispeln zusammengetragen und klären neben vielen anderen Fragen, warum das Lispeln sogar Erwachsene betreffen kann, die vorher nie gelispelt haben.

Bild: Ursachen für Lispeln/Sigmatismus

Wer die Ursachen für das Lispeln kennt und sie mit fachkundiger Hilfe therapiert, kann den schweren S-Lauten selbstbewusst die Zunge rausstrecken! © panthermedia.net / ulkas78

Was bedeutet Lispeln?

Lispeln oder Sigmatismus (abgeleitet vom griechischen Buchstaben ‘Sigma’) ist eine Sprechstörung, bei der die S-Laute und ihre Lautverbindungen nicht auf die richtige Weise gebildet werden. Dazu gehören das scharfe und das weiche ‚s’, wie z.B. in ‚Tasse’ und ‚Vase’, und die Lautverbindungen /ts/ und /ks/, die im Deutschen den Buchstaben ‚z’ bzw. ‚x’ und ‚chs’ (‘Hexe’, ‘Dachs’) entsprechen. Welche dieser Laute im Speziellen betroffen sind, kann je nach Betroffenem verschieden sein.

Normalerweise wird ein ‚s’ mit der Zunge an der Innenseite der Vorderzähne oder kurz dahinter gebildet. Durch einen kleinen Spalt dazwischen strömt die Ausatemluft und erzeugt das typische zischende Geräusch. Bei den verschiedenen Formen des Lispelns werden jeweils verschiedene artikulatorische Funktionen während dieser S-Lautbildung nicht korrekt ausgeführt. Das kann zum Beispiel die Lippen-, die Zungenbewegung oder das Gaumensegel betreffen. Daher klingt das Lispeln immer etwas anders, je nachdem, wo das Problem liegt.

Häufig tritt Lispeln zusammen mit anderen Lautfehlbildungen auf. Auch ‚k‘, ‚r‘, ‚ch‘ (Chitismus) oder ‚sch‘ (Schetismus) werden oft nicht richtig ausgesprochen. Außerdem kann Näseln hinzukommen. Verwandte Störungen sind der Parasigmatismus (S-Laute werden durch einen anderen Laut ersetzt) und der Asigmatismus (S-Laute werden nie mitgesprochen).

Was sind die Ursachen für das Lispeln?

Bild: Ursachen für Lispeln / Sigmatismus

Die Mundmotorik kann die Sprachentwicklung beeinflussen. Ist der Mund ständig offen und liegt die Zunge in Ruheposition schlaff im Mund, sind das Zeichen einer schlechten Mundmotorik. © shutterstock.com / Andrea Slatter

Bei Kindern, die noch mitten im Spracherwerb stecken, kommt Lispeln sehr häufig vor. Schließlich ist das ‚s‘ ein vergleichsweise schwer zu bildender Laut. Das Lispeln verschwindet normalerweise von allein. Die Ursachen für das Lispeln können sein:

  • Zahnfehlstellungen: Ein offener Biss oder Zahnlücken können das Bilden von S-Lauten erschweren.
  • Hörstörungen: Vorübergehende Hörstörungen können das Kind so beeinträchtigen, dass es beginnt, Laute falsch zu bilden. Das kann bereits durch eine Mittelohrentzündung geschehen, da Kinder dadurch nicht mehr ausreichend klar hören, oder durch zu laute Musik. Hörstörungen können aber auch angeboren sein.
  • Zungen- oder Gaumenveränderungen: Schäden oder Fehlbildungen an Zunge oder Gaumen können es unmöglich machen, den S-Laut korrekt auszusprechen.
  • Auditive Wahrnehmungsstörung: Das Kind kann wichtige Geräusche nicht von unwichtigen unterscheiden. Es kommt zu Problemen beim Differenzieren von Lauten. Das Gehör an sich funktioniert bei einer auditiven Wahrnehmungsstörung einwandfrei.
  • Familiäre Häufung: Lispeln ist zwar nicht vererbbar, dennoch kommt diese Störung manchmal häufiger innerhalb einer Familie vor. Zum einen können die Voraussetzungen für einen Sigmatismus erblich bedingt sein (Zahnfehlstellung, Schwerhörigkeit,… ). Zum anderen haben Eltern und ältere Geschwister eine Vorbildfunktion. Da Kinder Sprache durch Nachahmen erlernen, werden auch Sprachfehler der Vorbilder übernommen.
  • Motorik: Die Motorik von Mund und Körper können Einfluss auf die Sprachentwicklung nehmen. Eine gut ausgebildete Mundmuskulatur ist wichtig für das Bilden der verschiedenen Laute. Ist der Mund ständig offen und die Zunge liegt in Ruheposition schlaff im Mund, sind das Anzeichen für eine schlechte Mundmotorik.
Weiterhin kann Lispeln psychische Ursachen haben, etwa wenn Kinder den Beschützerinstinkt anderer, erwachsener Personen wecken wollen. Manche Kinder lispeln auch, wenn sie übermüdet sind. Die Erschöpfung mindert in diesem Fall ihre Muskelspannung und -kontrolle.

Handverlesene Literatur über das Lispeln

Ist Lispeln vererbbar?

Lispeln ist nicht vererbbar, da es keinen Gendefekt zur Ursache hat. Es bildet sich heraus, weil falsche Sprechmuster erlernt werden. Das kann – wie oben dargestellt – verschiedene Gründe haben, wie etwa Zahnfehlstellungen, Störungen der Zungenbewegung oder Hörstörungen. Letztere können durchaus vererbbar sein, doch nicht immer entwickelt sich aus ihnen ein Lispeln.
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Kann Lispeln auch von selbst wieder verschwinden?

In den ersten drei bis vier Lebensjahren lispeln viele Kinder, weil sie noch nicht gelernt haben, wie die S-Laute richtig gebildet werden. Diese Laute sind für Kinder vergleichsweise schwer zu erlernen und werden daher oft erst später in der Sprachentwicklung gemeistert. Lispelt ein Kind, während es gerade erst lernt zu sprechen, wird das als „physiologisches Lispeln bezeichnet“. Dieses legt sich in den meisten Fällen von selbst wieder. Eltern können versuchen, dies durch deutliches Sprechen in angemessener Lautstärke sowie gezielte Übungen für eine korrekte Artikulation zu unterstützen.

Spätestens mit fünf Jahren ist es nicht mehr normal für ein Kind, zu lispeln, weshalb ein Kinderarzt aufgesucht werden sollte. Dieser verordnet dann die logopädische Behandlung. Es ist wichtig, die Therapie rechtzeitig zu beginnen, weil sie dann leichter und schneller vorbei ist.

Lispeln behandeln

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Wie kann ich dem Lispeln vorbeugen?

Dem Sigmatismus an sich kann nicht vorgebeugt werden. Jedoch können Eltern versuchen, Lispeln zu vermeiden. Dazu sollten sie die generellen Risiken von Sprechstörungen senken, indem sie:
  • bei Mittelohrentzündungen schnell mit Ihrem Kind zum Arzt gehen, um Hörstörungen zu vermeiden.
  • darauf achten, ob Ihr Kind ständig durch den Mund atmet, weil die Mundatmung zu Zahnfehlstellungen führen kann.
  • das Nuckeln am Daumen oder Schnuller Ihrem Kind bis zum zweiten Lebensjahr abgewöhnen, da zu langes Nuckeln ebenfalls Zahnfehlstellungen und eine myofunktionelle Störung zur Folge haben kann.

Lispeln auch Erwachsene?

Bild: Lispeln bei Erwachsenen

Auch Erwachsene lispeln. Eine Therapie ist immer möglich, aber schwieriger als bei Kindern. © panthermedia.net / imagepointfr

Ja. Denken Sie an berühmte Beispiele wie Modeguru Karl Lagerfeld oder „RTL Punkt 12″-Moderatorin Katja Burkard.

Während das Lispeln bei Kindern vielleicht noch niedlich und süß ist, kann die Sprechstörung im Erwachsenenalter Auswirkungen auf die Psyche haben und dem Selbstvertrauen aktiv entgegenwirken. Der häufigste Grund dafür ist, dass Betroffene nicht wissen, wie das jeweilige Gegenüber das Lispeln wahrnimmt, einordnet und bewertet.

Die Gründe für Lispeln im Erwachsenenalter sind verschieden. Einerseits kann das Lispeln noch aus der Kindheit vorhanden sein, weil es nicht behandelt wurde. Andererseits kann ein Unfall die Artikulationsorgane oder die Gesichtsnerven schädigen, wodurch ihre Beweglichkeit und die Muskelspannung beeinträchtigt werden. Und schließlich können auch unbehandelte Zahnfehlstellungen die Ursache sein (z.B. wenn die Zähne sehr weit auseinander stehen, was einen ähnlichen Effekt wie eine kindliche Zahnlücke hat).

Außerdem kann es nach dem Einsetzen einer Zahnspange, eines Retainers, eines Zahnimplantats oder einer Zahnprothese vorrübergehend zum Lispeln kommen. Das legt sich aber nach kurzer Zeit wieder; Zahnprothesen und -implantate können eventuell angepasst werden (z.B. durch Abschleifen).

Zungenpiercings können ebenfalls zu einem kurzzeitigem Lispeln führen. Das kann sowohl auf das zunächst eventuell ungewohnte Mundgefühl als auch auf Schwellungen der Zunge infolge des Piercens zurückgeführt werden. Im Normalfall verschwindet diese Form des Lispelns nach einer kurzen Eingewöhnungszeit von ganz allein.

Wichtig zu wissen: Lispeln kann in jedem Alter behandelt werden. Aber eine Therapie im Erwachsenenalter kann länger dauern als im Kindesalter, da sich über die Jahre die Bewegungsmuster immer mehr verfestigen und es schwerer für die Betroffenen ist, sie zu ändern.

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