Von einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) wird gesprochen, wenn zentrale Prozesse des Hörens beeinträchtigt sind. Bei den Betroffenen liegt keine Schwerhörigkeit vor. Das periphere (=äußere) Gehör funktioniert somit ebenso gut wie das einer gesunden Person, jedoch erfolgt keine korrekte Weiterleitung der akustischen Reize an das Gehirn. Betroffene können beispielsweise Schwierigkeiten haben, die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, richtig zu bestimmen oder in lauter Umgebung gesprochene Sprache herauszufiltern. Die Merkfähigkeit in Bezug auf akustisch vermittelte Informationen wie Lieder oder Reime kann eingeschränkt sein, ebenso wie die Aufmerksamkeit bei üblichem Umgebungslärm, beispielsweise in Kindergarten oder Schule. Häufig haben Betroffene auch Probleme damit, ähnlich klingende Laute zu unterscheiden.
Im deutschen Sprachraum werden alternativ zum Begriff der AVWS auch die folgenden Bezeichnungen verwendet:

  • zentral-auditive Wahrnehmungsstörung
  • zentrale Fehlhörigkeit
  • zentrale Hörstörung
  • Seelentaubheit
  • Worttaubheit
Eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung tritt nicht nur isoliert auf, sondern kommt häufig in Kombination mit anderen Störungsbildern, beispielsweise der Lese-Rechtschreib-Schwäche, Aufmerksamkeitsdefizitstörungen oder Sprachentwicklungsverzögerungen, vor.

Ursachen der auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung

Als Ursachen einer AVWS werden unter anderem chronische Mittelohrentzündungen im Kindesalter, frühkindliche Hirnschädigungen und Hirnreifungsverzögerungen sowie Sauerstoffmangel während und nach der Geburt diskutiert. Auch sogenannte Paukenergüsse, die häufig in Kombination mit Polypen auftreten, keine Schmerzen bereiten und daher oftmals unerkannt bleiben, stellen eine der möglichen Ursachen einer Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung dar. Hierbei führt eine Ansammlung von Flüssigkeit im Mittelohr dazu, dass dieses über einen längeren Zeitraum nicht ausreichend belüftet wird, die Kinder daher nicht alle Frequenzen hören können und somit ein Hörerfahrungsdefizit entwickeln.

Auffälligkeiten

Bestimmte Auffälligkeiten im Kindesalter weisen auf eine AVWS hin.
So tendieren betroffene Kinder dazu, geräuschvolle Situationen zu verlassen oder sich die Ohren zuzuhalten. Auch die Äußerung eines Kindes, es empfinde den Kindergarten, die Schule oder Familienfeste als zu laut, kann einen möglichen Hinweis auf das Vorliegen einer AVWS darstellen. Oftmals können sich die Kinder mehrteilige mündliche Anforderungen nicht merken und es fällt ihnen schwer, Gedichte oder Lieder auswendig zu lernen. Im Grundschulalter sind auch Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sowie häufiges Nachfragen, insbesondere im Gruppengespräch, ein Indikator.

Diagnostik AVWS

Liegt ein Verdacht auf eine AVWS vor, ist eine umfassende Diagnostik angezeigt.
So hat eine umfangreiche Anamnese über die bisherige Entwicklung des betroffenen Kindes zu erfolgen, wobei insbesondere Risikofaktoren zu berücksichtigen sind. Auch das allgemeine Lern- und Leistungsprofil ist festzustellen, da bei Vorliegen einer deutlichen Minderbegabung keine altersentsprechende Hörwahrnehmung gefordert werden kann. Das periphere Hörvermögen ist zu überprüfen, um unter anderem eine Mittelohrentzündung auszuschließen. Ebenso sind andere Störungsbilder abzuklären, so beispielsweise Aufmerksamkeitsdefizitstörungen oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Spezifische Verfahren wie der Mottier-Test, der für Kinder im Alter zwischen 4 und 12 Jahren einsetzbar ist, dienen dazu, die Diagnose zu erhärten.

Behandlungsmöglichkeiten von Kindern mit AVWS im Rahmen der Logopädie

Grundsätzlich lassen sich im Rahmen der Logopädie bei Vorliegen einer AVWS drei Behandlungsansätze unterscheiden, die einzeln oder kombiniert eingesetzt werden können:

Im Rahmen von teilfunktionsorientierten Verfahren werden bei Kindern im Vorschul- und Schulalter gezielte Trainings eingesetzt, die jeweils diejenigen auditiven Teilbereiche fördern, die Defizite aufweisen. Die Therapie kann hierbei in Form einer Einzelförderung erfolgen oder in der Gruppe stattfinden. Darüber hinaus sollten in jedem Fall die Eltern zum regelmäßigen Üben mit dem Kind zu Hause angeleitet werden.
Computerbasierte Verfahren wie das Hörtrainingsprogramm “Audiolog”, das inzwischen in der vierten Version vorliegt, lassen sich in der logotherapeutischen Praxis ergänzend einsetzen. Audiolog ermöglicht eine individuelle Auswahl an Übungsformen. So können das dichotische Hören (das “Zusammenhören” von seitendifferenten akustischen Reizen), die auditive Selektion (das Verständnis der Sprache inmitten von Störgeräuschen), die auditive Differenzierung (das Unterscheiden klangähnlicher Laute) oder das Richtungshören trainiert werden. Bei Kindern im Schulalter wird darüber hinaus auch die Schriftsprache geübt.
Eine Dauer von etwa 20 Sitzungen ist erforderlich, um deutliche Fortschritte zu erzielen.

Psychomotorische Maßnahmen zeichnen sich durch Ganzheitlichkeit aus und werden in der Gruppe durchgeführt. Zentral ist die Kombination von Motorik und rhythmisch-melodischen Elementen. Durch die Verbindung von auditiven Stimuli mit Bewegungen soll eine Verbesserung der auditiven Wahrnehmung und Verarbeitung erreicht werden. Hierbei handelt es sich um keinen eigenständigen Förderansatz, sondern vielmehr um eine motivierende Ergänzung zu anderen Ansätzen.

Kompensatorische Verfahren zielen darauf ab, die gestörten Funktionen durch das Erlernen von kompensatorischen Strategien auszugleichen. Zu diesen kompensatorischen Strategien zählen beispielsweise die Nutzung intakter auditiver Fähigkeiten, das bewusste Achten auf Gestik und Mimik, die Antlitzgerichtetheit oder das Lippenlesen.
Zum anderen dienen kompensatorische Verfahren dazu, die akustische Signalqualität zu verbessern. Dies kann zum Beispiel durch einen Sitzplatz in der Nähe des Lehrers, durch eine Minimierung der Schallreflexion in Klassenräumen oder in manchen Fällen durch das Tragen eines spezifischen Hörapparates erreicht werden.