Menschen mit Legasthenie vertauschen und drehen Buchstaben oft unbemerkt. Aus einem „d“ wird so plötzlich ein „b“ oder aus einem „p“ ein „q“. Eng beieinanderliegende Buchstaben verschmelzen scheinbar. Hinzu kommen Schwierigkeiten, beim Lesen in der Zeile zu bleiben. Und je enger Sätze aneinandergereiht werden, umso größer ist die Gefahr, dass diese für Legastheniker scheinbar ineinander übergehen. So wird aus zwei Sätzen einer.

Diese Probleme erschwerten auch dem Grafikdesigner Christian Boer das Leben. Darum entwarf der Legastheniker eine Schriftart, die ihm half, sein eigenes Leseerlebnis und jenes anderer Betroffener deutlich zu verbessern.

Die Schriftart Dyslexie Font hilft Legasthenikern

Ein Entwurf der Dyslexie Font von Christian Boer. © dyslexiefont.com

Die Geschichte hinter der Schriftart für Legastheniker

Christian Boer beim Lesen

Christian Boer, Erfinder der „Dyslexie Font“, beim jetzt für ihn angenehmeren Lesen. © dyslexiefont.com

Christian Boer studierte bis 2008 Grafikdesign an der HKU Universität der Künste in Utrecht. Während seines Studiums begann der Legastheniker vermehrt darüber nachzudenken, wie er seine Leseschwäche, die ihm die Schulzeit extrem schwergemacht hatte, in den Griff bekommen könne. Den Durchbruch brachte ihm die Erkenntnis, dass Menschen mit Legasthenie Probleme haben, Buchstaben und 2D-Objekte zu erkennen. Dieses Problem tritt allerdings nicht auf, wenn sie 3D-Objekte sehen.

Also betrachtete er zur Entwicklung seiner Schriftart alle Buchstaben als 3D-Objekte und wandelte sie danach in 2D-Buchstaben um. Sechs Monate arbeitete er an der Schrift, schrieb seine Abschlussarbeit über die Dyslexie Font und erhielt von Testgruppen ausnehmend positive Resonanz. Ein Bachelor of Arts mit Auszeichnung war die Folge.

Viele Auszeichnungen und Innovationspreise folgten nach. Heute werden sogar Bücher (überwiegend im englischsprachigen und niederländischen Raum) mit der Schriftart für die Zielgruppe der Legastheniker gedruckt. Darunter beispielsweise das „Tagebuch der Anne Frank“.

Die Besonderheiten der „Dyslexie Font“

Die Schriftart wurde von Boer so gestaltet, dass jeder einzelne Buchstabe des Alphabets in seiner Form absolut einzigartig ist. Dies wirkt vielen Problemen, vor denen Legastheniker stehen, offensiv entgegen: Buchstaben werden so nicht mehr gedreht, gekippt oder umgekehrt. Zudem schuf der Grafikdesigner zusätzlichen Platz zwischen den einzelnen Buchstaben, damit sie vor dem Auge und im Gehirn des Legasthenikers nicht mehr miteinander verschmelzen.

Video: So kann die Schriftart „Dyslexie Font“ Menschen mit Legasthenie helfen

Worin unterscheidet sich die „Dyslexie Font“ von anderen Schriftarten?

Die Buchstaben haben einen schweren Boden

Schwerer Boden © dyslexiefont.com

1.) Die Buchstaben haben einen „schweren Boden“, sprich, sie sind unten dicker als oben.

Teile der Buchstaben werden individuell angeschrägt

Angeschrägte Buchstabenelemente © dyslexiefont.com

2.) Charakteristische Teile der Buchstaben werden individuell angeschrägt, um sie stärker voneinander abzugrenzen.

Öffnungen von Buchstaben werden vergrößert

Größere Öffnungen © dyslexiefont.com

3.) Öffnungen innerhalb der Buchstaben bekommen mehr Freiraum.

Buchstaben werden komplett angeschrägt, um sie von ähnlichen Buchstaben abzuheben.

Schräge Buchstaben © dyslexiefont.com

4.) Bei manchen Buchstaben-Paaren, die sich extrem ähneln, wurde ein Buchstabe komplett angeschrägt.

Buchstaben erhalten Eigenschaften, die sie unverwechselbar machen.

Unverwechselbare Eigenschaften © dyslexiefont.com

5.) Andere Buchstaben erhalten spezielle Eigenschaften, die sie unverwechselbar machen: Beispielsweise verschiedene Winkel und unterschiedliche Höhen bei den Buchstaben-Innenecken…

Ober- und Unterlänge von Buchstaben wird verlängert

Verlängerte Ober- und Unterlänge der Buchstaben © dyslexiefont.com

6.) Die Ober- und die Unterlänge der Buchstaben wurden verlängert, um Unterschiede stärker zu betonen.

Großbuchstaben werden gefettet, Satzzeichen betont

Gefettete Großbuchstaben © dyslexiefont.com

7.) Großbuchstaben werden immer fettgedruckt dargestellt. In Kombination mit deutlicheren Satzzeichen können so Sätze nicht mehr zusammenlaufen.

Buchstaben werden höher dargestellt

Höhere Buchstaben © dyslexiefont.com

8.) Die Buchstaben werden allgemein höher dargestellt.

Abstände zwischen Buchstaben und Worten werden vergrößert

Vergrößerte Abstände © dyslexiefont.com

9.) Die Abstände zwischen Buchstaben und Worten werden deutlich vergrößert.

Sie leiden an Legasthenie? Probieren Sie doch die Schriftart einfach selbst aus!

Christian Boer stellt die Schriftart für Privatpersonen frei zur Verfügung. Schulen, Krankenhäuser oder Kindergärten, die mit der Schrift arbeiten wollen, sind angehalten, einen fairen Obulus zu entrichten.

Genutzt werden kann die Schrift für Computer und mobile Endgeräte wie Tablets, E-Reader, iPads oder Handys und kann hier für alle Programme eingesetzt werden, die eine Anpassung der Schriftart erlauben (genannt seien unter anderem die Office-Programme).

Und natürlich können mit der Schrift erstellte Dokumente auch genauso ausgedruckt werden. Allerdings braucht man dafür viel blau, denn die Gestaltung der Schriftart in blauer Farbe ging ebenfalls aus Boers Erkenntnissen hervor. Diese wird von vielen Legasthenikern als angenehmer zu lesen empfunden.

Auch Browser können um die Schriftart erweitert werden und würden die Inhalte der besuchten Websites ab sofort mit der Dyslexie Font ausspielen.

Die Schriftart, mit ihr gedruckte Bücher, weitere Informationen und Hinweise zur Installation der Schriftart auf Ihrem Computer finden Sie auf der offiziellen Website der „Dyslexie Font“.

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