Kinder, die mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter aktiv benutzen und/oder keine Sätze mit zwei Wörtern bilden können, gelten als Late Talker. Man spricht auch von Spätsprechern oder späten Sprechern. Dieser Umstand kann ein Indiz für eine Sprachentwicklungsstörung sein. Bis zu 50% dieser Spätsprecher können den Rückstand aber bis zum 30. Monat noch aufholen. Die Kinder werden dann als Late Bloomer- Spätblüher- bezeichnet. Später zeigen sich keine weiteren Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung.
Wird der Rückstand nicht aufgeholt, so entwickelt sich eine Sprachentwicklungsstörung. Es ist wichtig, dies früh genug zu erkennen und durch einen Logopäden behandeln zu lassen.
Ursachen für das Late Talker Phänomen
Beim Erwerb der Sprache ist die Wechselbeziehung zwischen Kind und Umwelt besonders wichtig. Es gibt mehrere Faktoren, die dies negativ beeinflussen können und wodurch sich der Spracherwerb verzögern kann:
Körperlich: Die Sinnesorgane Augen und Ohren sind von großer Bedeutung beim Spracherwerb. Ein Hörschaden etwa kann dazu führen, dass das Kind später beginnt zu sprechen. Auch eine gestörte Motorik von Lippen, Zunge, Gaumen oder Mimik kann eine Sprachverzögerung verursachen. Zu wenig Aktivität, fehlende Bewegung, unzureichender Schlaf und Lärm sind Umwelteinflüsse, die Kinder negativ beeinflussen.
Geistig: Wahrnehmung, sensorische Integration und Kreativität sind wichtige Faktoren beim Spracherwerb. Fehlen diese, kommt es zu Verzögerungen. Die geistige und sprachliche Entwicklung des Kindes kann durch die Umwelt beeinflusst werden. Fehlen Anregung, sprachliche Vorbilder, Spiele und Bücher, so hat dies negativen Einfluss auf das Kind. Manche Eltern unterfordern ihr Kind zusätzlich, wenn es ein Late Talker ist. Aber auch eine mehrsprachige Erziehung kann zu einer Verzögerung führen.
Sozial: Vertrauen, Sicherheit, Empathie, Sprechfreude und Kontaktfreude spielen für den Spracherwerb eine große Rolle. Fehlt das Urvertrauen, ist das Kind eher in sich gekehrt oder hat es kein Interesse am Sprechen, so kann es sein, dass es ein Late Talker ist.
Es ist wichtig, dass die Bezugsperson Vertrauen, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Sicherheit vermittelt. Ist dem nicht der Fall und fehlen außerdem soziale Kontakte zu Geschwistern oder Freunden, hat dies negativen Einfluss auf die Entwicklung.
Genetisch: Es besteht die Möglichkeit, dass die genetische Veranlagung zu einer Spracherwerbsverzögerung führt. Für diese Theorie spricht auch die Tatsache, dass drei mal so viele Jungen zu den Late Talkern zählen, wie Mädchen.
Meistens steht nicht eine Ursache für sich allein. Mehrere Faktoren greifen ineinander und beeinflussen den Spracherwerb. Um eine ausgeprägte Sprachentwicklungsstörung zu umgehen, ist es wichtig, die Ursache so schnell wie möglich zu ermitteln.
Behandlung des Late Talker Phänomens in der Logopädie
Mittlerweile sind die meisten Mediziner und Logopäden der Meinung, dass Spätsprecher schnell behandelt werden sollen. Eine Frühintervention ist dem Abwarten vorzuziehen, damit sich die sprachlichen Fähigkeiten weiterentwickeln können. Das schafft günstige Voraussetzungen bei der geistigen Entwicklung des Kindes und hilft, Folgebeeinträchtigungen durch eine Sprachentwicklungsstörung zu minimieren oder zu verhindern.
Beim Logopäden werden zunächst die Eltern der Late Talker befragt, wie die Kommunikation mit dem Kind aussieht, welchen Umfang der Wortschatz aufweist und ob es in der Familie ähnliche Fälle gibt. Hilfreich ist ein Elternfragebogen, bei dem der Logopäde auch etwas über die Lebensumwelt und Gewohnheiten des Kindes erfährt.
Beim Spielen beobachtet der Logopäde die sprachliche und kommunikative Kompetenz des Kindes. Er achtet auf die verwendeten Wörter, die Mimik und die Gestik.
Erst danach ist es möglich, festzustellen, ob eine Therapie nötig ist und wenn ja, in welchem Umfang. Der Therapieplan ist immer individuell auf das Kind zugeschnitten und enthält spielerische Übungen. Durch Spielen kann der Spracherwerb vorangetrieben werden. Das Kind entwickelt kommunikative Fähigkeiten und es wird am Wortschatz gearbeitet. Bei älteren Kindern kann auch an grammatischen Strukturen gearbeitet werden. Zum Einsatz kommen unter Anderem die „Therapie nach Zollinger“ und das „Heidelberger Elterntraining“.
Wenn der Wortschatz des Kindes groß genug ist und das Kind altersgerechte Sätze sprechen kann, dann wird in der Regel eine halbjährige Behandlungspause eingelegt. Während dieser Pause schaffen es die meisten Kinder, den Wortschatz von selbst zu erweitern und noch mehr sprachliche Kompetenz zu erwerben. Danach folgt eine Kontrolle. Ist der Spracherwerb ausreichend, ist die Therapie beendet, andernfalls werden die Übungen fortgesetzt. Außerdem sind dann evtl. neurologische, pädiatrische und audiologische Untersuchungen notwendig, um bisher ungeklärte Ursachen zu ermitteln.
Spätsprecher: Was Eltern tun können
Eltern können die Sprachentwicklung ihrer Kinder im Alltag fördern. Tägliche Situationen, wie Waschen, Anziehen, Einkaufen und Essen bieten sich an, um wiederkehrende Wörter und Sätze zu wiederholen.
Kinder brauchen aktiven Anreiz, um Sprache zu erwerben. Beim Fernsehen sind sie nur passiv, was kontraproduktiv ist. Besser ist es, wenn Eltern den Kindern Lieder vorsingen oder zusammen Bilderbücher lesen und betrachten. Das Kind kann aktiv schauen, zeigen und Wörter ausprobieren und den Eltern ist es möglich, unmittelbar darauf einzugehen.
Besonders wichtig beim Sprechen ist der Blickkontakt. Wenn Eltern mit ihrem Kind sprechen, sollten sie stets auf Augenhöhe gehen. Das Kind erhält dadurch die volle Aufmerksamkeit und hat zudem die Möglichkeit, die Bewegungen von Mund und Zunge zu sehen.



